SICURA: Die unbekannte Geschichte hinter Breitling

Das in Vergessenheit geratene Schweizer Unternehmen, das im Mittelpunkt der größten Rettungsaktion in der Geschichte der Uhrmacherkunst stand

Es gibt Unternehmen, die mit den von ihnen hergestellten Uhren Geschichte geschrieben haben.

Und es gibt Unternehmen, die Geschichte geschrieben haben, weil sie dazu beigetragen haben, dass die gesamte Uhrenindustrie überleben konnte.

Sicura gehört zur zweiten Kategorie.

Heute ist der Name Sicura den meisten heutigen Sammlern so gut wie unbekannt. Im Gegensatz dazu sorgen Namen wie Breitling, Sinn und Ollech & Wajs bei Liebhabern mechanischer Uhren nach wie vor für Begeisterung.

Und doch: Wenn wir die Zeit zurück in die 1970er Jahre drehen, werden wir feststellen, dass Sicura im Zentrum eines der entscheidenden Momente in der Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst stand.

Die Entstehung von Sicura

Sicura wurde 1939 im schweizerischen Granges gegründet und stellte ursprünglich preiswerte, aber zuverlässige mechanische Uhren her, die sich hauptsächlich an der Philosophie der Roskopf-Uhrwerke orientierten. Luxus stand nicht im Vordergrund. Das Ziel war es, Schweizer Uhren für Menschen anzubieten, die ein praktisches Werkzeug am Handgelenk haben wollten.

In den 1950er Jahren taucht ein Mann auf, der den Kurs des Unternehmens für immer verändern wird.

Er hieß Ernest Schneider.

Ingenieur, Unternehmer, Offizier und leidenschaftlicher Pilot. Schneider betrachtete Uhren nicht einfach nur als Produkte. Er sah sie als Werkzeuge. Als Präzisionsinstrumente. Als Ausrüstung für Profis.

Unter seiner Führung hat sich Sicura spektakulär entwickelt.

Bis Mitte der 1970er Jahre verfügte das Unternehmen über mehrere Montagewerke, eine Fabrik zur Herstellung von Kisten sowie eine beträchtliche Produktionskapazität.

Die Sicura der Sammler

Wer sich heute mit den Vintage-Modellen von Sicura beschäftigt, wird ein Unternehmen entdecken, das keine Angst hatte, zu experimentieren.

Tauchringe mit Innenringen.

Doppelkronen.

Kräftige Farben.

Uhren, die von Autorennen inspiriert sind.

Sprungstunde.

Werkzeuge für Piloten.

Ausrüstung für Taucher.

Werkzeuge für Menschen, die ihre Uhren tatsächlich benutzten.

Sicura wollte nicht versuchen, Patek Philippe zu werden.

Er wollte nicht versuchen, ein Rolex zu werden.

Sicura strebte danach, das interessanteste Unternehmen seiner Branche auf dem Markt zu werden.

Und oft gelang es ihm auch.

Die drei Sicura aus meinem Atelier

Vor kurzem habe ich drei verschiedene Sicura erworben, die drei verschiedene Epochen des Unternehmens repräsentieren.

Das erste ist ein kleineres 36-mm-Modell mit einem SIC-19-Uhrwerk und 23 Steinen.

Das zweite Modell ist eine beeindruckende Taucheruhr mit zwei Kronen und einem SIC 48-Uhrwerk.

Das dritte Modell ist ein späteres Submarine 17 Jewels mit einem ST 969N-Uhrwerk.

Obwohl sie sich äußerlich stark voneinander unterscheiden, haben sie doch eine Gemeinsamkeit:

Die gleiche Philosophie.

Jedes einzelne wurde als Werkzeug konzipiert.

Nicht als Schmuck.

Und das merkt man sofort, wenn man sie in der Hand hält.

Die Gehäuse sind robust.

Die Zifferblätter sind gut lesbar.

Die Kränze sind funktionsfähig.

Die Gehäuseböden voller Charakter.

Seepferdchen, Taucher, Schilde und Meeresmotive tauchen immer wieder auf und schaffen eine starke Identität, die vielen heutigen Sammlern unbekannt ist.

Die Quarzkrise

Anfang der 1970er Jahre sah sich die Schweizer Uhrenindustrie mit der größten Gefahr ihrer Geschichte konfrontiert.

Die Quarzuhren aus Japan waren:

  • teurer,

  • günstiger,

  • einfacher herzustellen.

Innerhalb weniger Jahre sind Hunderte von Schweizer Unternehmen verschwunden.

Andere wurden zusammengelegt.

Andere haben endgültig geschlossen.

Und eines der Unternehmen, die am Rande des Ruins standen, war Breitling.

Der Niedergang von Breitling

Im Jahr 1978 stellte Breitling seinen Betrieb praktisch ein.

Das Unternehmen hat Mitarbeiter entlassen und begonnen, Vermögenswerte zu veräußern.

Für viele war die Geschichte von Breitling vorbei.

Doch genau hier beginnt eines der interessantesten Kapitel in der Geschichte der Uhrmacherkunst.

Warum das Erbe von Breitling nicht in die Hände eines einzigen Käufers gelangte.

Es hat sich zerstreut.

Und er wurde gerettet.

Sinn und die Navitimer

Helmut Sinn erkannte sofort den Wert der Navitimer.

Das Unternehmen erwarb die Nutzungsrechte an den Konstruktionsplänen der legendären Modelle Breitling 806 und 809 sowie an den dazugehörigen Bauteilen und Fertigungswerkzeugen.

Das Ergebnis?

Die Sinn 903.

Eine Uhr, die bis heute hergestellt wird und eine der authentischsten Verbindungen zur historischen Navitimer darstellt.

Als offizielles Sinn-Servicezentrum in Griechenland habe ich die 903 stets als mehr als nur einen Chronographen betrachtet.

Es ist ein Stück lebendiger Geschichte.

Ollech & Wajs und die Luftfahrt

Im gleichen Zeitraum erwarb Ollech & Wajs Maschinen, Zubehör und Lagerbestände, die mit der Herstellung der Breitling-Chronographen in Zusammenhang standen.

Diese Komponenten wurden später für die Herstellung der Fliegerchronographen des Unternehmens verwendet.

So blieb ein weiterer Teil des Erbes von Breitling erhalten.

Nicht unter dem Namen Breitling.

Aber ganz in ihrem Sinne.

Und Sicura?

Der entscheidende Schritt erfolgte am 5. April 1979.

An jenem Tag unterzeichnete Ernest Schneider einen Vertrag mit Willy Breitling und erwarb die Rechte an den Namen Breitling und Navitimer.

Das ist vielleicht das wichtigste Ereignis in der Geschichte von Sicura.

Denn von diesem Moment an war Schneider nicht mehr nur der Chef eines erfolgreichen Schweizer Unternehmens.

Er war der Mann, der den Fortbestand von Breitling sicherte.

Ohne diese Entscheidung wäre Breitling höchstwahrscheinlich endgültig untergegangen.

Der Mythos „Sicura by Breitling“

Einer der größten Fehler, auf den ich bei Auktionen und Kleinanzeigen häufig stoße, ist der Begriff:

„Sicura by Breitling“.

Tatsächlich haben die Historiker von Breitling wiederholt darauf hingewiesen, dass es in den 1960er- oder 1970er-Jahren niemals ein solches Unternehmen oder eine solche Produktionsreihe gegeben hat. Es gab die Firma Sicura von Ernest Schneider und später Breitling unter der Leitung von Ernest Schneider. Es handelt sich um zwei verschiedene Kapitel derselben Geschichte.

Und genau das macht die Vintage-Modelle von Sicura noch interessanter.

Es handelt sich nicht um „billige Breitlings“.

Es handelt sich um echte Sicura.

Warum sie heute die Aufmerksamkeit von Sammlern verdienen

Viele Jahre lang galten die Sicura lediglich als kuriose Vintage-Uhren.

Heute jedoch beginnen Sammler, sie neu zu bewerten.

Und das zu Recht.

Denn sie stehen für:

  • eine einzigartige Designschule,

  • eine bedeutende Epoche der Schweizer Uhrmacherkunst,

  • einer der bedeutendsten Unternehmer der Branche,

  • und ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte von Breitling.

Wenn ich mir die drei Sicura-Uhren anschaue, die nun in meiner Werkstatt stehen, sehe ich nicht einfach nur drei Vintage-Uhren.

Ich sehe drei Abschnitte einer Geschichte, die in den 1960er Jahren beginnt, durch die größte Krise führt, die die Schweizer Uhrenindustrie je erlebt hat, und bis heute Unternehmen wie Sinn, Ollech & Wajs und Breitling prägt.

Und das ist meiner Meinung nach als Uhrmacher viel interessanter als jede technische Angabe, die auf einem Zifferblatt steht.

Eine Antwort hinterlassen

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * gekennzeichnet

The-Watchmaker.Store verwendet Cookies, um sicherzustellen, dass unsere Website ordnungsgemäß funktioniert, um Inhalte zu personalisieren, um Funktionen für soziale Medien bereitzustellen und um unseren Datenverkehr zu analysieren. Wir teilen auch Informationen über Ihre Nutzung unserer Website mit unseren Partnern für soziale Medien, Werbung und Analysen.
mehr Infos